Carlo Collodi – Pinocchio

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Die meisten Leute um 30 werden sich noch an die Zeichentrickserie „Pinocchio“ erinnern, die in Japan Mitte der 70er Jahre produziert und erstmals in Deutschland 1977-78 ausgestrahlt wurde. Die Geschichten basieren alle auf dem gleichnamigen Kinderbuch, welches 1881 in einer italienischen Zeitschrift erschien.

Ich war von Beginn an vorsichtig beim Lesen. Was erwartet einen? Kindererziehung des 19. Jhdts. Anhand moralischer Ideale wird deduziert, wie sich ein anständiges und ordentliches Kind zu verhalten hat und wie streng Eltern sein müssen, um diese Ideale ihrem Kind einzuprägen. Collodi dient für diesen Beweis die hölzerne Figur des Pinocchio, der jeden Fehler begeht, den ein schlimmes Kind begehen kann. Pinocchio ist unstet, eigensinning, egoistisch, immer auf seinen Vorteil bedacht. Er ergreift jede Möglichkeit neugierig beim Schopf, um aus seinem Alltag ausbrechen zu können. Dieses Ausbrechen aus den elterlichen Rahmensetzungen hat zur Folge, dass ihm allerlei schlechtes geschieht und er durch diese schlechten Erlebnisse aber auch an sich selbst wachsen kann.

Pinocchios Lügen haben bekanntlich keine lange Beine. Die Erklärung dafür ist einfach:

„Wieso aber weißt du, dass es eine Lüge war?“
„Die Lügen, mein Junge, erkennt man sofort, es gibt nämlich zwei Arten: Es gibt Lügen, die haben kurze Beine, und solche, die haben lange Nasen. Die deinen gehören zu denen, die eine lange Nase haben.“ (Seite 85)

Das größte Ärgernis in jeder Kindheit, die, wie es sich Pinocchio so sehnlichst wünscht, ausgiebig genossen werden soll – das 19. Jhdt war die Hochburg biedermeierscher Kindheitsträume – die Schule, stellt auch für Pinocchio ein solches dar, der die sich strukturbedingt spät zeigenden Vorzüge der Schule anfangs nicht zu schätzen weiß:

„Ich meinte…“, wimmerte der Holzbube mit leiser Stimme, „jetzt noch zur Schule zu gehen, scheint mir ein wenig zu spät…“
[…] „Mein Junge“, belehrte ihn die Fee, „wer so spricht, endet fast stets im Gefängnis oder im Krankenhaus. Merke dir das: Ein Mensch, sei er reich oder arm geboren, ist verpflichtet, in dieser Welt sich mit etwas zu beschäftigen, zu arbeiten. Wehe, wenn man sich vom Müßiggang beherrschen lässt! Das Faulenzen ist eine sehr schlimme Krankheit, die man sofort, von Kind an, heilen muss. Wenn man groß ist, heilt man sie sonst nicht mehr.“ (Seite 127)

Die Schule hat die Arbeit der Kinder zu sein. Eine Vorstellung, die bis heute prägend geblieben ist. Pinocchio selbst folgt nicht dem guten Rat der Fee, die im Laufe des Buches seine Mutterrolle übernimmt, und muss erst zum Esel werden und Gutes tun, um diese Qualitäten der Arbeit, das heißt der Schule, zu begreifen.

Kinder haben Gehorsam zu leisten und zu tun, was ihnen von ihren Eltern gesagt wird, nicht, was sie selbst wünschen, ist eine der Hauptaussagen des Buches. Anhand der vielfältigen Beispiele wird gezeigt, was dem bösen Kind alles geschieht, wenn es jenen Gehorsam nicht aufbringt. Dass das alles – Holzpuppe, Haifisch von einem Kilometer Länge, Feen, sprechende Katzen und Füchse – reine Fiktion, ein modernes Märchen ist, nimmt dem moralischen Anspruch nicht seine Schärfe. So wie bei jedem anderen Märchen ebenso.

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